Langfristige Aspekte der Energiewende

Wie könnten die Energiemärkte in fünf Jahren aussehen?

Im Tagesgeschäft ist es oft schwer, mit Blick auf Dringendes das Wichtige nicht zu vergessen. Das trifft auch auf die Energiewende zu und die möglichen Folgen für die Industriekunden. Dieser Artikel soll helfen eine Idee von den Energiemärkten in 5 bis 10 Jahren zu entwickeln.

Aktuell sind die Energiekosten für Industriekunden auf einem historischen Tiefstand; CO2-Zertifikate werden kostenlos zugeteilt oder sind sehr preiswert zu kaufen; die EEG-Kosten spielen für energieintensive Produktionen ein untergeordnete Rolle. Alle diese Aspekte werden sich ändern. Der Abbau von Überkapazitäten wird zu einer Verknappung des Angebotes führen. Die ständig steigenden Umlagen für die privaten Haushalte und die Beihilfediskussion mit der EU werden die Politik zwingen die Privilegierung der Industrie abzubauen. Auch die CO2-Preise sind der politischen Diskussion unterworfen.

Wenn man heute der Betreiber von fossilen Kraftwerken fragt, wie sich der EOM 2.0 auswirken wird, so wird ein Szenario von nicht mehr kompensierbaren Kraftwerksausfällen an die Wand gemalt. Ob dies tatsächlich so kommt, bleibt abzuwarten. Das kommende Energiemarktgesetz jedenfalls sieht Hosenträger zum Gürtel vor.

Trotzdem kann es sein, dass wir heute den Wert von Kapazität oder genauer, der kostenlosen Verfügbarkeit von ausreichender Kapazität unterschätzen. Es ist daher mehr als nur eine Kür, sich bereits heute mit Fragen des Demand Side Managements zu beschäftigen, wozu dann auch als ultima ratio eine (Not-)Versorgung aus eigenen Kraftwerken gehört.

Am schwierigsten ist der technische Fortschritt und sein Einfluss auf die Energiemärkte abzuschätzen. Einige Trends sind aber zumindest zu erkennen. Die Erzeugung von Strom aus PV wird immer billiger. Neue Techniken, die aus nahezu beliebigen Oberflächen, von Fassaden bis zum Straßenbelag Strom erzeugen können, würden – unter Einbeziehung der ebenfalls intensiv erforschten Speichertechnologien – ein 24- Stunden-Versorgung aus Erneuerbaren Energie zu Grenzkosten von nahe 0 Euro ermöglichen. Das würde einen weiteren Schub zur Verlagerung von Energieträgern wie Öl, Kohle und Erdgas zu Strom auslösen. Energieeffizienzprojekte könnten stranded investments werden.

Auch der Erdgasmarkt wird sich deutlich verändern. Das zusätzliche Angebot von LNG, dass nach dem Ausbau von Verflüssigungsanlagen sowohl in den USA als auch in Australien auf den Markt drängt ist eine wichtige Konkurrenz zu den Pipeline-Anbietern Russland und Norwegen. Vor allem die russische Volkswirtschaft ist auf die Einnahmen aus dem Verkauf von Energie und Rohstoffen angewiesen. Ein Einbruch könnte das heutige Regime destabilisieren.